Scham · 7 Min.

Toxischer Stolz und gesunde Scham bei schwulen Männern

Gregor Schmidinger · Aktualisiert am

Verstreutes Konfetti auf grauem Beton, quer darüber Streifen von Gegenlicht.

Stell dir den Moment vor: Du stehst mitten im Zug einer Pride-Parade, überall Musik, Farben, Menschen. Du fühlst dich getragen, angenommen, gefeiert, Teil von etwas Größerem. Es ist eines dieser seltenen Gefühle, ganz und gar dazuzugehören. Und genau in diesem Hochgefühl lohnt sich eine unbequeme Frage: Stolz, worauf eigentlich?

Die Frage ist nicht gegen das Feiern gerichtet, im Gegenteil. Aber sie ist der Anfang eines Gedankens, der woandershin führt, als man vermuten würde. Denn wer ehrlich nach dem Stolz fragt, landet früher oder später bei seinem ungeliebten Gegenstück, der Scham. Und ausgerechnet dort, so paradox das klingt, liegt etwas, das uns weiterhilft.

Stolz worauf eigentlich?

Auf die sexuelle Orientierung selbst kann man schwer stolz sein. Man hat sie sich nicht ausgesucht, so wenig wie die Augenfarbe. Das ist kein Argument gegen Pride. Es ist eine Einladung, genauer hinzuschauen, was man da eigentlich feiert. Und dafür hilft ein Blick zurück.

Wo der Stolz herkommt

Die Pride-Parade, wie wir sie heute kennen, hat einen klaren Ursprung. Als die Polizei im Sommer 1969 in New York eine Bar namens Stonewall Inn stürmte, wehrten sich die Gäste zum ersten Mal in größerem Stil. Knapp ein Jahr später zogen Menschen durch die Straßen, um an diesen Aufstand zu erinnern, und zwar ohne den bis dahin üblichen betont angepassten Auftritt. Aus diesem Marsch wurde die erste Pride-Parade.

Das Entscheidende: Der Stolz wurde damals bewusst gegen die erzwungene Scham und Unsichtbarkeit gesetzt. Statt sich klein und unauffällig zu machen, zeigten sich Menschen offen und mit erhobenem Kopf. Stolz war das Gegengift gegen die Scham. Das war richtig und notwendig, und ohne diesen kollektiven Stolz wären wir nicht, wo wir heute sind.

Echter Stolz sitzt also nicht in der Orientierung, sondern im Mut. Im Mut, zu sich zu stehen in einer Welt, die das Anderssein oft ablehnt. Und im Mut, sichtbar zu sein, gerade für die, die das noch nicht können. Wer sich zeigt, macht es anderen leichter, sich ebenfalls zu zeigen. Sichtbarkeit ist in diesem Sinn kein Akt der Eitelkeit, sondern einer der Solidarität. Das ist ein Stolz, der sich nicht über andere stellt, sondern neben sie.

Ich habe das selbst erlebt, bei meiner ersten öffentlichen Veranstaltung als Berater. Gemeinsam mit Peter Fässlacher, dem Autor von „Die schwule Seele“, habe ich im Queeren Bildungszentrum in Wien einen Abend über Scham und Stolz gestaltet. Über Scham zu sprechen, vor Publikum und als einer, den sie selbst betrifft, war kein Auftritt mit erhobenem Kopf. Es war eher ein Moment, in dem ich mich angreifbar gemacht habe. Und genau daraus ist etwas entstanden, das sich wie echter Stolz angefühlt hat.

Im Persönlichen kann derselbe Stolz aber kippen. Er muss es nicht, aber er kann. Aus dem Stolz, der gegen die Scham schützt, wird dann eine Haltung, die nicht mehr verbindet, sondern Abstand schafft.

Wenn Stolz Scham verkleidet

Der erste Reflex sagt: Stolz ist gut, Scham ist schlecht, also hilft Stolz gegen Scham. So einfach ist es nicht. Oft ist gerade der laute Stolz die Verkleidung der Scham.

Der Wiener Psychologe Alfred Adler hat das schon vor über hundert Jahren beschrieben. Für ihn ist das Gefühl, nicht zu genügen, ein Motor menschlicher Entwicklung, und jeder Mensch sucht einen Weg, es auszugleichen. Adler nannte das Kompensation. Wird der Ausgleich zu groß, entsteht eine Fassade: Ich brauche das alles nicht. Ich bin besser als die anderen. Von außen sieht das nach Selbstbewusstsein aus. Von innen ist es ein Schutzschild.

Nennen wir ihn Stefan, 36. Stefan geht gern aus, lernt leicht Leute kennen, ist auf den Apps nie ohne Optionen. Und trotzdem wird aus all den Kontakten selten etwas, das bleibt. Beim Scrollen hakt er innerlich ab: zu langweilig, zu bedürftig, zu dünn. Nach einem an sich netten Date denkt er nicht „schön war’s“, sondern sucht den Haken. Ein Satz fasst es zusammen: „Keiner ist wirklich gut genug.“

Von außen klingt das nach hohen Ansprüchen. Von innen ist es oft das Gegenteil, ein falscher Stolz über einer alten Scham: dem Gefühl, selbst nicht zu genügen. Wer das tief drinnen glaubt, schützt sich, indem er die anderen kleinmacht, bevor sie ihn ablehnen können. „Keiner ist gut genug“ heißt dann in Wahrheit: „Ich lasse niemanden nah genug heran, um zu riskieren, dass er merkt, was ich selbst über mich denke.“

Toxische und gesunde Scham

Nicht jede Scham ist diese lähmende Form. Es gibt zwei sehr verschiedene Arten, die sich ähnlich anfühlen und das Gegenteil meinen:

  • Toxische Scham sagt: Mit mir stimmt etwas nicht. Aus „ich habe etwas falsch gemacht“ ist „ich bin falsch“ geworden. Sie ist kein Gefühl mehr, das kommt und geht, sondern ein Dauerzustand, eine Brille, durch die man sich selbst sieht. Das ist die Scham, vor der sich Stefan mit seinem Stolz schützt.
  • Gesunde Scham sagt: In dieser Situation stimmt etwas nicht. Sie meldet sich, wenn wir eine Grenze überschritten oder uns überschätzt haben, und vergeht wieder. Sie hält uns in Verbindung mit den anderen.

Gesunde Scham ist also nicht dein Feind. Sie ist der innere Sinn dafür, dass die anderen auch da sind und zählen.

Ein Mensch ganz ohne Scham wäre nicht frei. Er wäre übergriffig.

Es geht nicht darum, Scham loszuwerden. Es geht darum, die toxische zu erkennen und mit der gesunden umgehen zu lernen.

Warum Scham bei schwulen Männern eine eigene Geschichte hat

Viele von uns sind mit einem Grundgefühl aufgewachsen: So, wie ich bin, ist etwas nicht in Ordnung. Nicht als einzelner Satz, sondern als Atmosphäre, in Blicken, Witzen, dem Schweigen am Familientisch. Die Scham war da, bevor wir wussten, wofür. Daraus wird selten ein bewusster Gedanke, aber fast immer ein Muster. Woher solche frühen Muster kommen, steht ausführlicher im Text über das innere Kind schwuler Männer.

Was man dabei leicht übersieht: Die Scham kommt nicht nur von außen. Auch innerhalb der Community entstehen Normen, wie man richtig schwul zu sein hat. Welcher Körper zählt, wer auf den Apps eine Antwort bekommt, wer in der Sauna angeschaut wird und wer nicht. Zur Heteronormativität kommt so eine eigene Homonormativität dazu, und mit ihr ein leiser Anpassungsdruck. Viele der schmerzhaftesten Momente erleben schwule Männer nicht beim homophoben Nachbarn, sondern unter ihresgleichen.

Das erklärt, warum Pride allein die Scham nicht auflöst. Einmal im Jahr feiern wir gemeinsam, dass wir nicht falsch sind. Die anderen Tage verbringen viele von uns damit, sich gegenseitig zu bewerten. Ein Stolz, der nur nach außen gerichtet ist, kommt gegen eine Scham, die auch nach innen wirkt, nicht an.

Was gesunde Scham möglich macht

Was sich an Stefans Muster ändern kann, beginnt nicht damit, selbstbewusster zu werden. Selbstbewusst wirkt er ja, zumindest an der Oberfläche. Es beginnt in dem Moment, in dem er einem Mann gegenüber zugibt, dass er Angst hat, ihn zu langweilen, sobald das erste Verliebtsein vorbei ist.

Sich klein und unsicher zeigen, statt sich aufzublasen oder den anderen abzuwerten, ist das Gegenteil von dem, was er gelernt hat. Und genau das ist gesunde Scham in Aktion: kein „ich bin falsch“, sondern „ich zeige mich gerade, und das macht mich angreifbar“. An so einer Stelle kann aus einer Bekanntschaft zum ersten Mal etwas werden, das trägt.

Hier schließt sich der Kreis zur Pride. Echter Stolz und gesunde Scham sind keine Gegenspieler. Beide brauchen denselben Mut: sich zu zeigen, ohne zu wissen, wie der andere reagiert.

Ein erster Schritt

Wenn du dich das nächste Mal dabei ertappst, jemanden innerlich abzuhaken, zu langweilig, zu bedürftig, zu irgendwas, frag dich nicht, ob das stimmt. Frag dich: Wovor schützt mich das gerade? Mehr braucht es für den Anfang nicht. Nur bemerken, noch nichts ändern.

Wie Scham, Selbstwert und Selbstvertrauen zusammenhängen, steht ausführlicher im Text Was ist dieses Selbstwertgefühl?. Wenn du klein anfangen willst: Das Selbstwert Boot Camp ist ein kostenloser E-Mail-Kurs über fünf Tage, für schwule und queere Männer.

Und wenn du merkst, dass hinter deinem Stolz eine ältere Geschichte steckt, die du mit Begleitung anschauen willst: Sicher verbunden ist mein Inneres-Kind-Coaching für schwule und queere Männer, fünf Einheiten eins zu eins. Ob es für dich passt, klären wir in einem Kennenlerngespräch, 15 Minuten per Video.

Gregor Schmidinger ist psychologischer Berater und klinischer Sexologe in Wien. Er arbeitet mit schwulen und queeren Männern zu Selbstwert, Beziehung und Sexualität, und ist selbst einer. Mit Gerald VDH macht er den Podcast Warme Bros.

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